X. Beziehungen der Gesichtsempfindungen zu einander und zu andern psychischen Elementen.

1.

Die Gesichtsempfindungen treten im normalen psychischen Leben nicht isoliert auf, sondern mit den Empfindungen anderer Sinne verknüpft. Wir sehen nicht optische Bilder in einem optischen Raum, sondern wir nehmen die uns umgebenden Körper mit ihren mannigfaltigen sinnlichen Eigenschaften wahr. Erst die absichtliche Analyse löst aus diesen Komplexen die Gesichtsempfindungen heraus. Allein auch die Wahrnehmungen insgesamt kommen fast nur mit Gedanken, Wünschen, Trieben verknüpft vor. Durch die Sinnesempfindungen werden die den Lebensbedingungen entsprechenden Anpassungsbewegungen der Tiere ausgelöst. Sind diese Lebensbedingungen einfach, wenig und langsam veränderlich, so wird die unmittelbare Auslösung durch die Sinne zureichen. Höhere intellektuelle Entwicklung wird unnötig sein. Anders ist dies bei sehr mannigfaltigen und veränderlichen Lebensbedingungen. Ein so einfacher Anpassungsmechanismus kann sich da nicht entwickeln, noch weniger zum Ziele führen.
    Niedere Tiere verschlingen alles, was in ihre Nähe kommt und den entsprechenden Reiz ausübt. Ein höher entwickeltes Tier muß seine Nahrung mit Gefahren suchen, die gefundene geschickt fassen oder listig fangen, und vorsichtig prüfen. Ganze Reihen von verschiedenen Erinnerungen müssen vorbeiziehen, bevor eine den widerstreitenden gegenüber stark genug wird, die entsprechende Bewegung auszulösen. Hier muß also eine die Anpassungsbewegungen mitbestimmende Summe von Erinnerungen (oder Erfahrungen) den Sinnesempfindungen gegenüberstehen. Darin besteht der Intellekt.
    Bei höheren Tieren mit komplizierten Lebensbedingungen sind in der Jugend die Komplexe von Sinnesempfindungen, welche die Anpassungsbewegungen auslösen, oft sehr zusammengesetzt. Das Saugen der jungen Säugetiere, das im Kap. IV beschriebene Verhalten des jungen Sperlings sind passende Beispiele hiefür. Mit der Entwicklung der Intelligenz werden immer kleinere Teile dieser Komplexe zur Auslösung hinreichend, und die Sinnesempfindungen werden immer mehr und mehr durch den Intellekt ergänzt und ersetzt, wie sich dies an Kindern und heranwachsenden Tieren täglich konstatieren läßt.
    In der Auflage von 1886 habe ich in einer Anmerkung vor der damals noch verbreiteten Überschätzung der Intelligenz der niederen Tiere gewarnt. Meine Ansicht beruhte nur auf gelegentlichen Beobachtungen über die maschinenmäßige Bewegung von Käfern, den Lichtflug der Motten u. s. w. Seither sind die wichtigen Arbeiten von J. Loeb erschienen, welche diese Ansicht auf eine solide experimentelle Basis gestellt haben.
    Gegenwärtig ist die Psychologie der niederen Tiere wieder ein viel umstrittenes Gebiet. Während A. Bethe1) auf Grund sinnreicher und interessanter Experimente in Bezug auf Ameisen und Bienen eine extreme Reflextheorie vertritt, nach welcher diese Tiere als Descartessche Maschinen erscheinen, schreiben sorgfältige kritische Beobachter, wie E. Wasmann2), H. v. Buttel-Reepen3), A. Forel4) u. a. denselben Tieren eine recht hohe psychische Entwicklung zu. Auch die Psychologie der höheren Tiere liegt jetzt dem allgemeinen Interesse wieder näher. Die Schriften von Th. Zell, die sich vorwiegend an das große Publikum wenden, enthalten manche gute Beobachtung, manchen glücklichen Blick und scheinen der Überschätzung und Unterschätzung der Tiere in besonnener Weise gleich fern zu bleiben.

1) A. Bethe, Dürfen wir den Ameisen und Bienen psychische Qualitäten zuschreiben? Pflügers Archiv, Bd. 70, S. 17. Noch einmal über die psychischen Qualitäten der Ameisen. Ebendaselbst, Bd. 79, S. 39. Beer, Bethe u. Uexküll, Vorschläge zu einer objektivierenden Nomenklatur in der Physiologie des Nervensystems. Centralbl. f. Physiologie 1899, Bd. 13, No. 6. H. E. Hering, Inwiefern ist es möglich, die Physiologie von der Psychologie sprachlich zu trennen? Monatsschrift "Deutsche Arbeit", l. Jahrg., Heft 12.

2) E. Wasmann Die psychischen Fähigkeiten der Ameisen. Stuttgart 1899, Zoologica. Heft 26. Vergleichen-de Studien über das Seelenleben der Ameisen und der höheren Tiere, 2. Aufl., Freiburg i. Br. 1900.

             3) H. v. Buttel-Reepen, Sind die Bienen Reflexmaschinen? Leipzig 1900. 4) A. Forel, Psychische Fähigkeiten der Ameisen. Verhandl. des 5. Internat. Zoologenkongresses, Jena 1902. Expériences et remarques critiques sur les sensations des Insectes, 15 partie. Rivista di scienze biologiche, Como, 19001901.     Wer einmal sich mit Physiologie beschäftigt, oder auch nur die Arbeiten von F. Goltz gewürdigt hat, kennt die hohe Bedeutung der Reflexe für die Lebenserhaltung jedes tierischen Organismus, selbst des höchststehenden menschlichen. Wer ferner beobachtet, wie die Beeinflussung der biologischen Reaktionen durch das die individuellen Erlebnisse registrierende Gedächtnis mit der Vereinfachung der Organisation ganz auffallend abnimmt5), kann wohl auf den natürlichen Gedanken verfallen, zu versuchen, ob und wie weit das Verhalten einfacherer Organismen durch bloße Reflexe verständlich ist. Es war ja nicht wahrscheinlich,6) daß es gänzlich gedächtnislose tierische Organismen mit absolut unmodifizierbaren Reflexen gibt, da wohl zwischen den Erwerbungen der Art und des Individuums kaum eine scharfe Grenze sich ziehen läßt. Dennoch halte ich einen solchen Versuch für sehr verdienstlich, allerdings noch für wertvoller die kritische Läuterung des Ergebnisses. 5) Populär-wissenschaftliche Vorlesungen. Über den Einfluß zufälliger Umstände usw. Leipzig 1903, 3. Aufl., S. 29495. Prinzipien der Wärmelehre, Leipzig 1900. S. d. Kapitel über Sprache und Begriff.              6) Vgl. die vorliegende Schrift, 4. Aufl., S. 153.

    Ich hoffe, daß wir nicht nur von unseren Kindern, sondern auch von "unseren jüngeren Brüdern", den Tieren noch sehr viel für die eigene Psychologie lernen werden. Um aber zu verstehen, warum der Mensch psychisch so viel mehr ist als das klügste Tier, wird es wohl hinreichen, auf die Erwerbungen der Art und des Individuums in der Atmosphäre einer vieltausendjährigen sozialen Kultur zu achten.

2.

Die Vorstellungen haben also die Sinnesempfindungen, soweit sie unvollständig sind, zu ersetzen, und die durch letztere anfänglich allein bedingten Prozesse weiterzuspinnen. Die Vorstellungen dürfen aber im normalen Leben die Sinnesempfindungen, soweit letztere vorhanden sind, durchaus nicht dauernd verdrängen, wenn hieraus nicht die höchste Gefahr für den Organismus entspringen soll. In der Tat besteht im normalen psychischen Leben ein sehr starker Unterschied zwischen beiden Arten psychischer Elemente. Ich sehe eine schwarze Tafel vor mir. Ich kann mir mit der größten Lebhaftigkeit auf dieser Tafel ein mit scharfen weißen Strichen gezogenes Sechseck oder eine farbige Figur vorstellen. Ich weiß aber, pathologische Fälle abgerechnet, immer, was ich sehe, was ich mir vorstelle. Ich fühle, wie ich bei dem Übergang zur Vorstellung die Aufmerksamkeit von dem Auge abwende und anderswohin richte. Der auf der Tafel gesehene und der an derselben Stelle vorgestellte Fleck unterscheiden sich durch diese Aufmerksamkeit wie durch eine vierte Koordinate. Die Tatsachen würden nicht vollständig gedeckt, wenn man sagen würde, das Eingebildete lege sich über das Gesehene wie das Spiegelbild in einer unbelegten Glasplatte über die hindurchgesehenen Körper. Im Gegenteil scheint mir das Vorgestellte durch einen qualitativ verschiedenen, widerstreitenden sinnlichen Reiz verdrängt zu werden und auch letzteren zeitweilig zu verdrängen. Das ist vorläufig eine psychologische Tatsache, deren physiologische Erklärung sich gewiß auch finden wird.
    Es ist natürlich anzunehmen, daß bei Vorstellungen teilweise auch dieselben organischen Prozesse durch die Wechselwirkung der Organe des Zentralnervensystems wieder aufleben, welche bei den entsprechenden Empfindungen durch den physikalischen Reiz bedingt waren. Die Vorstellungen unterscheiden sich in normalen Fällen von den Empfindungen wohl durch ihre geringere Intensität, vor allem aber durch ihre Flüchtigkeit. Wenn ich mir in der Vorstellung eine geometrische Figur zeichne, so verhält es sich so, als ob die Linien, bald nachdem sie gezogen wurden, verlöschen würden, sobald die Aufmerksamkeit sich andern Linien zuwendet. Bei Rückkehr findet man sie nicht mehr vor, und muß sie aufs neue reproduzieren. In diesem Umstande liegt hauptsächlich der Vorteil und die Bequemlichkeit, den eine materielle geometrische Zeichnung gegenüber der vorgestellten bietet. Eine geringe Anzahl Linien, z. B. Zentri- und Peripheriewinkel auf demselben Kreisbogen mit einem Paar zusammenfallender oder sich schneidender Schenkel, wird man leicht in der Vorstellung festhalten. Fügt man im letzteren Falle noch den Durchmesser durch den Scheitel des Peripheriewinkels hinzu, so wird es schon schwerer, in der Vorstellung das Maßverhältnis der Winkel abzuleiten, ohne fortwährend die Figur zu erneuern und zu ergänzen. Die Geläufigkeit und Geschwindigkeit des Wiederersetzens gewinnt übrigens ungemein durch die Übung. Als ich mich mit der Steinerschen und v. Staudtschen Geometrie beschäftigte, konnte ich darin viel mehr leisten, als es mir jetzt möglich ist.
    Bei der stärkern Entwicklung der Intelligenz, welche durch die komplizierten Lebensverhältnisse des Menschen bedingt ist, können die Vorstellungen zeitweilig die ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehen, so daß Vorgänge in der Umgebung des Sinnenden nicht gesehen, an ihn gerichtete Fragen nicht gehört werden, was solcher Beschäftigung ungewohnte Menschen "Zerstreuung" nennen, während es viel passender "Sammlung" heißen würde. Wird nun der Betreffende in einem solchen Falle gestört, so empfindet er sehr deutlich die Arbeit beim Wechsel der Aufmerksamkeit.

3.

Die Beachtung dieses Unterschiedes zwischen den Vorstellungen und Sinnesempfindungen ist sehr geeignet, vor Unvorsichtigkeit bei psychologischen Erklärungen der Sinnesphänomene zu schützen. Die bekannte Theorie der "unbewußten Schlüsse" wäre nie zu so breiter Entwicklung gelangt, wenn man mehr auf diesen Umstand geachtet hätte.
    Das Organ, dessen Zustände die Vorstellungen bestimmen, können wir uns vorläufig als ein solches denken, welches (in einem geringeren Grade) aller spezifischen Energieen der Sinnesorgane und der motorischen Organe fähig ist, so daß je nach seiner Aufmerksamkeitsstimmung bald diese, bald jene Energie eines Organs in dasselbe hineinspielen kann. Ein solches Organ wird vorzüglich geeignet sein, die physiologische Beziehung zwischen den verschiedenen Energieen zu vermitteln. Wie die Erfahrungen an Tieren mit entferntem Großhirn lehren, gibt es außer dem "Vorstellungsorgan" wahrscheinlich noch mehrere andere analoge, mit dem Großhirn weniger innig zusammenhängende Vermittlungsorgane, deren Vorgänge daher nicht ins Bewußtsein fallen.
    Der Reichtum des Vorstellungslebens, wie wir denselben aus der Selbstbeobachtung kennen, tritt gewiß erst beim Menschen auf. Die Anfänge dieser Lebensäußerung, in welcher sich durchaus nur die Beziehung aller Teile des Organismus zu einander ausspricht, reichen ebenso gewiß tief in der Entwicklungsreihe der Tiere herab. Aber auch die Teile eines Organs müssen durch gegenseitige Anspannung zu einander in eine Beziehung treten, welche jener der Teile des Gesamtorganismus analog ist. Die beiden Netzhäute mit ihrem von den Lichtempfindungen abhängigen motorischen Akkommodations- und Blendungsapparat geben ein sehr klares und bekanntes Beispiel eines solchen Verhältnisses. Das physiologische Experiment und die einfache Selbstbeobachtung belehren uns darüber, daß ein solches Organ seine eigenen zweckmäßigen Lebensgewohnheiten, sein besonderes Gedächtnis, fast möchte man sagen, seine eigene Intelligenz hat.

4.

Die lehrreichsten hierher gehörigen Beobachtungen sind wohl von Johannes Müller in seiner schönen Schrift "Über die phantastischen Gesichtserscheinungen" (Coblenz 1826) zusammengestellt worden. Die von Müller u. a. im wachen Zustande beobachteten Gesichtsphantasmen entziehen sich durchaus dem Einfluß des Willens und der Überlegung. Es sind selbständige, wesentlich an das Sinnesorgan gebundene Erscheinungen, welche durchaus den Charakter des objektiv Gesehenen an sich tragen. Es sind wahre Phantasie- und Gedächtniserscheinungen des Sinnes. Müller hält das freie Eigenleben der Phantasie für einen Teil des organischen Lebens und für unvereinbar mit den sogenannten Assoziationsgesetzen, über welche er sich sehr abfällig ausspricht. Es scheint mir, daß die kontinuierlichen Änderungen der Phantasmen, die Müller beschreibt, nicht gegen die Assoziationsgesetze sprechen. Diese Vorgänge können vielmehr geradezu als Erinnerungen an die langsamen perspektivischen Änderungen der Gesichtsbilder aufgefaßt werden. Das Sprunghafte in dem gewöhnlichen assoziativen Verlauf der Vorstellungen kommt doch nur dadurch hinein, daß bald dieses, bald jenes Sinnesgebiet mitzusprechen beginnt. Vgl. Kap. XI.
    Jene Prozesse, welche in der "Sehsinnsubstanz" (nach Müller) normaler Weise als Folgen der Netzhauterregung sich abspielen, und welche das Sehen bedingen, können ausnahmsweise auch ohne Netzhauterregung spontan in der Sehsinnsubstanz auftreten, und die Quelle von Phantasmen oder Halluzinationen werden. Wir sprechen von Sinnengedächtnis, wenn sich die Phantasmen in ihrem Charakter stark an zuvor Gesehenes anschließen, von Halluzinationen, wenn die Phantasmen freier und unvermittelter eintreten. Eine scharfe Grenze zwischen beiden Fällen wird aber kaum festzuhalten sein.
    Ich kenne alle Arten von Gesichtsphantasmen aus eigener Anschauung. Das Hineinspielen von Phantasmen in undeutlich Gesehenes, wobei letzteres teilweise verdrängt wird, kommt wohl am häufigsten vor. Besonders lebhaft treten mir diese Erscheinungen nach einer ermüdenden nächtlichen Eisenbahnfahrt auf. Alle Felsen, Bäume nehmen dann die abenteuerlichsten Gestalten an. Als ich mich vor Jahren eingehender mit Pulskurven und Sphygmographie beschäftigte, traten mir die zarten weißen Kurven auf schwarzem Grunde des Abends und auch bei Tage im Halbdunkel oft mit voller Lebhaftigkeit und Objektivität vor Augen. Auch später sah ich bei verschiedenen physikalischen Beschäftigungen analoge Erscheinungen des "Sinnengedächtnisses". Seltener traten mir bei Tage Bilder vor Augen, die ich zuvor nicht gesehen hatte. So leuchtete mir vor Jahren an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen auf dem Buch, in welchem ich las, oder auf dem Schreibpapier ein hellrotes Kapillarnetz (ähnlich einem sogenannten Wundernetz) auf, ohne daß ich mich mit derartigen Formen beschäftigt hatte. Das Sehen von lebhaft gefärbten veränderlichen Tapetenmustern vor dem Einschlafen war mir in meiner Jugend sehr geläufig; es tritt auch jetzt noch ein, wenn ich die Aufmerksamkeit darauf richte. Auch eines meiner Kinder erzählte mir oft vom "Blumensehen", vor dem Einschlafen. Seltener sehe ich abends vor dem Einschlafen mannigfaltige menschliche Gestalten, die sich ohne meinen Willen ändern. Ein einziges Mal versuchte ich mit Erfolg ein menschliches Gesicht in einen skelettierten Schädel umzuwandeln; dieser vereinzelte Fall kann aber auch ein Zufall sein. Daß beim Erwachen im dunklen Zimmer die letzten Traumbilder in lebhaften Farben mit einer Fülle von Licht noch vorhanden waren, ist mir oft vorgekommen. Eine eigentümliche Erscheinung, die mir seit einigen Jahren häufiger begegnet, ist folgende. Ich erwache und liege mit geschlossenen Augen ruhig da. Vor mir sehe ich die Bettdecke mit allen ihren Fältchen, und auf derselben meine Hände mit allen Einzelheiten ruhig und unveränderlich. Öffne ich die Augen, so ist es entweder ganz dunkel, oder zwar hell, aber die Decke und die Hände liegen ganz anders, als sie mir erschienen waren. Es ist dies ein besonders starres und dauerndes Phantasma, wie ich es unter anderen Verhältnissen nicht beobachtet habe. Ich glaube an diesem Bild zu bemerken, daß alle auch weit voneinander abliegenden Teile zugleich deutlich erscheinen, in einer Weise, wie dies bei objektiv Gesehenem aus bekannten Gründen unmöglich ist.
    Akustische Phantasmen, namentlich musikalische, traten in meiner Jugend öfter nach dem Erwachen sehr lebhaft auf, sind aber, seit mein Interesse für Musik sehr abgenommen hat, recht selten und dürftig geworden. Vielleicht ist aber auch das Interesse für Musik das Sekundäre, Bedingte.
    Spuren von Phantasmen, wenn man die Netzhaut dem Einfluß der äußeren Reize entzieht und die Aufmerksamkeit dem Sehfelde allein zuwendet, sind fast immer vorhanden. Ja sie zeigen sich schon dann, wenn die äußeren Reize schwach und unbestimmt sind, im Halbdunkel, oder wenn man etwa eine Fläche mit matten, verschwommenen Flecken, eine Wolke, eine graue Wand beobachtet. Die Gestalten, die man dann zu sehen meint, so weit sie nicht auf einem bloßen Herausheben und Zusammenfassen deutlich gesehener Flecke durch die Aufmerksamkeit beruhen, sind jedenfalls keine vorgestellten, sondern wenigstens teilweise spontane Phantasmen, welchen zeitweilig und stellenweise der Netzhautreiz weichen muß. Die Erwartung scheint in diesen Fällen das Auftreten der Phantasmen zu begünstigen. Sehr oft glaubte ich beim Aufsuchen von Interferenzstreifen die ersten matten Spuren derselben im Gesichtsfeld deutlich wahrzunehmen, während mich die Fortführung des Versuches überzeugte, daß ich mich gewiß getäuscht hatte. Einen Wasserstrahl, dessen Hervortreten aus einem Kautschukschlauch ich erwartete, glaubte ich im halbdunklen Raum wiederholt deutlich zu sehen, und erkannte den Irrtum erst durch Tasten mit dem Finger. Solche schwache Phantasmen scheinen sich gegen den Einfluß des Intellektes sehr nachgiebig zu verhalten, während dieser gegen die starken, lebhaft gefärbten nichts auszurichten vermag. Erstere stehen den Vorstellungen, letztere den Sinnesempfindungen näher.
    Diese schwachen Phantasmen, welche von Sinnesempfindungen bald überwältigt werden, bald den letzteren das Gleichgewicht halten, bald diese verdrängen, legen die Möglichkeit nahe, die Stärke der Phantasmen mit jener der Empfindungen zu vergleichen. Scripture hat diesen Gedanken ausgeführt, indem er in dem Gesichtsfelde eines Beobachters, der in demselben ein (nicht vorhandenes) Fadenkreuz zu sehen glaubte, eine reelle Linie von unerwarteter Richtung mit von Null an wachsender Intensität auftreten ließ, bis diese bemerkt und dem Phantasma gleich geschätzt wurde7). Es lassen sich alle Übergange von der Empfindung zur Vorstellung nachweisen. Nirgends kommen wir auf ein psychisches Element, welches mit der Empfindung, die wir unzweifelhaft auch als ein physisches Objekt ansehen müssen, ganz unvergleichbar wäre. Der (assoziative) Zusammenhang der Vorstellungen ist allerdings ein anderer als jener der Empfindungen.

              7) Scripture, The new Psychology, London 1897, p. 484.

5.

Leonardo da Vinci a. a. O. bespricht das Hineinspielen der Phantasmen in das Gesehene in folgenden Worten:
    "Ich werde nicht ermangeln, unter diese Vorschriften eine neuerfundene Art des Schauens herzusetzen, die sich zwar klein und fast lächerlich ausnehmen mag, nichtsdestoweniger aber doch sehr brauchbar ist, den Geist zu verschiedenerlei Erfindungen zu wecken. Sie besteht darin, daß du auf manche Mauern hinsiehst, die mit allerlei Flecken bedeckt sind, oder auf Gestein mit verschiedenem Gemisch. Hast du irgend eine Situation zu erfinden, so kannst du da Dinge erblicken, die verschiedenen Landschaften gleichsehen, geschmückt mit Gebirgen, Flüssen, Felsen, Bäumen, großen Ebenen, Tal und Hügeln von mancherlei Art. Auch kannst du da allerlei Schlachten sehen, lebhafte Stellungen sonderbarer fremdartiger Figuren, Gesichtsmienen, Trachten und unzählige Dinge, die du in vollkommene und gute Form bringen magst. Es tritt bei derlei Mauern und Gemisch das Ähnliche ein, wie beim Klang der Glocken, da wirst du in den Schlägen jeden Namen und jedes Wort wiederfinden können, die du dir einbildest".
    "Achte diese meine Meinung nicht gering, in der ich dir rate, es möge dir nicht lästig erscheinen, manchmal stehen zu bleiben, und auf die Mauerflecken hinzusehen, oder in die Asche im Feuer, in die Wolken, oder in Schlamm und auf andere solche Stellen; du wirst, wenn du sie recht betrachtest, sehr wunderbare Erfindungen in ihnen entdecken. Denn des Malers Geist wird zu (solchen) neuen Erfindungen (durch sie) aufgeregt, sei es in Kompositionen von Schlachten, von Tier und Menschen, oder auch zu verschiedenerlei Kompositionen von Landschaften und von ungeheuerlichen Dingen, wie Teufeln und dgl., die angetan sind, dir Ehre zu bringen. Durch verworrene und unbestimmte Dinge wird nämlich der Geist zu neuen Erfindungen wach. Sorge aber vorher, daß du alle die Gliedmaßen der Dinge, die du vorstellen willst, gut zu machen verstehst, so die Glieder der lebenden Wesen, wie auch die Gliedmaßen der Landschaft, nämlich die Steine, Bäume und dgl".
    Das stärkere selbständige Auftreten der Phantasmen, ohne Anregung durch die Netzhaut, den Traum und den halbwachen Zustand abgerechnet, muß seiner biologischen Unzweckmäßigkeit wegen als pathologisch angesehen werden. Ebenso müßte man jede abnorme Abhängigkeit der Phantasmen vom Willen als pathologisch bezeichnen. Solche Zustände mögen wohl bei jenen Irren vorkommen, welche sich für sehr mächtig, für Gott usw., halten. Das bloße Fehlen hemmender Assoziationen kann aber ebenfalls zu Größenwahnvorstellungen führen. So kann man im Traum glauben, die größten Probleme gelöst zu haben, weil die Assoziationen, welche den Widerspruch aufdecken, sich nicht einstellen.

6.

Nach diesen Vorbemerkungen wollen wir einige physiologisch-optische Erscheinungen betrachten, deren vollständige Erklärung zwar noch fern liegt, die aber als Äußerungen eines selbständigen Lebens der Sinnesorgane relativ noch am verständlichsten sind.
    Man sieht gewöhnlich mit beiden Augen, und zu einem bestimmten Zweck im Dienste des Lebens, nicht Farben und Formen, sondern die Körper im Raume. Nicht die Elemente des Komplexes, sondern der ganze physiologisch-optische Komplex ist von Wichtigkeit. Diesen Komplex sucht das Auge nach den unter seinen Lebensbedingungen erworbenen (oder ererbten) Gewohnheiten zu ergänzen, wenn er einmal infolge besonderer Umstände unvollständig auftritt. Das geschieht zunächst leicht beim Sehen mit einem Auge oder auch beim Sehen sehr ferner Objekte mit beiden Augen, wenn die stereoskopischen Differenzen in bezug auf den Augenabstand verschwinden.
    Man nimmt gewöhnlich nicht Licht und Schatten, sondern räumliche Objekte wahr. Der Selbstschatten der Körper wird kaum bemerkt. Die Helligkeitsdifferenzen lösen Tiefempfindungsdifferenzen aus und helfen den Körper modellieren, wo die stereoskopischen Differenzen hierzu nicht mehr ausreichen, wie dies bei Betrachtung ferner Gebirge sehr auffallend wird.
    Sehr belehrend ist in dieser Hinsicht das Bild auf der matten Tafel der photographischen Kammer. Man erstaunt hier oft über die Helligkeit der Lichter und die Tiefe der Schatten, die man an den Körpern gar nicht bemerkte, solange man nicht genötigt war, alles in einer Ebene zu sehen. Ich erinnere mich aus meinen Kinderjahren sehr wohl, daß mir jede Schattierung einer Zeichnung als eine ungerechtfertigte und entstellende Manier erschien, und daß mich eine Konturzeichnung weit mehr befriedigte. Es ist ebenso bekannt, daß ganze Völker, wie die Chinesen, trotz entwickelter artistischer Technik, gar nicht oder nur mangelhaft schattieren.


Fig. 24

    Folgendes Experiment, das ich vor vielen Jahren angestellt habe8), illustriert sehr deutlich die berührte Beziehung zwischen Lichtempfindung und Tiefenempfindung. Wir stellen eine geknickte Visitenkarte vor uns auf den Schreibtisch, so daß sie die erhabene Kante b e uns zukehrt. Von links falle das Licht ein. Die Hälfte a b d e ist dann viel heller, b c e f viel dunkler, was aber bei unbefangener Betrachtung kaum bemerkbar wird. Nun schließen wir ein Auge. Hiermit verschwindet ein Teil der Raumempfindungen. Noch immer sehen wir das geknickte Blatt räumlich und an der Beleuchtung nichts Auffallendes. Sobald es uns aber gelingt, statt der erhabenen Kante be eine hohle zu sehen, erscheinen Licht und Schatten wie mit Deckfarben darauf gemalt. Von der leicht erklärbaren perspektivischen Verzerrung der Karte sehe ich zunächst ab. Eine solche "Inversion" ist möglich, weil durch ein monokulares Bild die Tiefe nicht bestimmt ist. Stellt in Fig. 25, 1 0 das Auge, a b c den Durchschnitt eines geknickten Blattes, der Pfeil die Lichtrichtung vor, so erscheint a b heller als b c. In 2 ist ebenso a b heller als b c. Das Auge muß, wie man sieht, die Gewohnheit annehmen, mit der Helligkeit der gesehenen Flächenelemente auch das Gefälle der Tiefempfindung zu wechseln. Das Gefälle und die Tiefe nimmt mit abnehmender Helligkeit nach rechts ab, wenn das Licht von links einfällt (1), umgekehrt, wenn es von rechts einfällt. Da die Hüllen des Bulbus, in welchen die Netzhaut eingebettet ist, durchscheinend sind, so ist es auch für die Lichtverteilung auf den Netzhäuten nicht gleichgültig, ob das Licht von rechts oder links einfällt. Die Umstände sind also ganz danach angetan, daß sich ohne alles Zutun des Urteils eine feste Gewohnheit des Auges herausbilden kann, vermöge welcher Helligkeit und Tiefe in bestimmterweise verbunden werden. Gelingt es nun, einen Teil der Netzhaut, wie in dem obigen Versuch, vermöge einer andern Gewohnheit mit der erstem in Widerstreit zu bringen, so äußert sich dies durch auffallende Empfindungen.


Fig. 25
8) Über die physiologische Wirkung räumlich verteilter Lichtreize. Sitzungsber. der Wiener Akademie, 54. Bd., 3. Abhandlung, Oktober 1866.     Wie bedeutend die Wirkung des durch die Bulbusdecken eindringendes Lichtes werden kann, geht aus gewissen Versuchen von Fechner9) hervor. Eine hieher gehörige Beobachtung ist folgende. Unter meinem Schreibtisch liegt eine graugrüne Decke, von welcher ich schreibend ein kleines Stückchen sehe. Wenn nun bei hellem, von links einfallendem Sonnen- oder Tageslicht von jenem Stückchen zufällig oder absichtlich ein Doppelbild entsteht, so ist das dem linken, stärker beleuchteten Auge angehörige Bild durch Kontrast lebhaft grün, während das rechtseitige Bild ganz matt gefärbt ist. Variation der Intensität und Farbe der Bulbusbeleuchtung bei diesen letzteren und bei Inversionsversuchen wäre von Interesse. 9) Fechner, Über den seitlichen Fenster- und Kerzenversuch. Berichte der Leipziger Ges. der Wissenschaften 1860.     Es soll mit dem Gesagten nur der Charakter der Erscheinung bezeichnet und die Richtung angedeutet werden, nach welcher eine physiologische Erklärung (mit Ausschluß psychologischer Spekulationen) zu suchen ist. Bemerken wollen wir noch, daß in Bezug auf Empfindungsqualitäten, welche miteinander in Wechselbeziehung stehen, ein dem Gesetz der Erhaltung der Energie ähnliches Prinzip zu herrschen scheint. Die Helligkeitsdifferenzen verwandeln sich teilweise in Tiefendifferenzen und werden selbst dabei schwächer. Auf Kosten von Tiefendifferenzen können umgekehrt die Helligkeitsdifferenzen vergrößert werden. Eine analoge Bemerkung wird sich noch bei einer andern Gelegenheit ergeben.

Fig. 26

7.

Die Gewohnheit Körper zu beobachten, d. h. einer größern räumlich zusammenhängenden Masse von Lichtempfindungen die Aufmerksamkeit zuzuwenden, bringt eigentümliche, zum Teil überraschende Erscheinungen mit sich. Eine zweifarbige Malerei oder Zeichnung z. B. sieht im allgemeinen ganz verschieden aus, je nachdem man die eine oder die andere Farbe als Grund auffaßt. Die Vexierbilder, in welchen etwa ein Gespenst zwischen Baumstämmen erscheint, sobald man den hellen Himmel als Objekt, die dunklen Bäume aber als Grund auffaßt, sind bekannt. Nur ausnahmsweise bietet Grund und Objekt dieselbe Form dar, worin ein häufig verwendetes ornamentales Motiv besteht, wie dies z. B. die Fig. 26 von S. 15 der erwähnten "Grammar of Ornament", ferner die Figuren 20, 22 der Tafel 45, Figur 13 der Tafel 43 jenes Werkes veranschaulichen.

8.

Die Erscheinungen des Raumsehens, welche bei monokularer Betrachtung eines perspektivischen Bildes, oder, was auf dasselbe hinauskommt; bei monokularer Betrachtung eines Objektes auftreten, werden gewöhnlich als fast selbstverständliche sehr leichthin behandelt. Ich bin aber der Meinung, daß an denselben noch mancherlei zu erforschen ist. Durch dasselbe perspektivische Bild, welches unendlich vielen verschiedenen Objekten angehören kann, ist die Raumempfindung nur teilweise bestimmt. Wenn also gleichwohl von den vielen dem Bilde zugehörigen denkbaren Körpern nur sehr wenige wirklich gesehen werden, und zwar mit dem Charakter der vollen Objektivität, so muß dies einen triftigen physiologischen Grund haben. Es kann nicht auf dem Hinzudenken von Nebenbestimmungen beruhen, nicht auf bewußten Erinnerungen, welche uns auftauchen, sondern auf bestimmten Lebensgewohnheiten des Gesichtssinnes.
    Verfährt der Gesichtssinn nach den Gewohnheiten, welche er unter den Lebensbedingungen der Art und des Individuums erworben hat, so kann man zunächst annehmen, daß er nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit vorgeht, d. h. diejenigen Funktionen, welche am häufigsten zusammen ausgelöst wurden, werden auch zusammen auftreten, wenn nur eine allein angeregt wird. Diejenigen Tiefenempfindungen z. B., welche am häufigsten mit einem bestimmten perspektivischen Bild verbunden sind, werden auch leicht reproduziert, wenn jenes Bild auftritt, ohne daß diese Empfindungen mitbestimmt sind. Außerdem scheint sich beim Sehen perspektivischer Bilder ein Prinzip der Sparsamkeit auszusprechen, d. h. der Gesichtssinn ladet sich von selbst keine größere Anstrengung auf als diejenige, welche durch den Reiz bestimmt ist. Beide Prinzipien fallen, wie wir sehen werden, in ihren Wirkungen zusammen.

9.

Wir wollen uns das eben Ausgesprochene in den Einzelheiten erläutern. Betrachten wir eine Gerade in einem perspektivischen Bilde, so sehen wir diese immer als eine Gerade im Raume, obgleich die Gerade als perspektivisches Bild unendlich vielen verschiedenen ebenen Kurven als Objekten entsprechen kann. Allein nur in dem besondern Fall, daß die Ebene einer Kurve durch den Kreuzungspunkt des einen Auges hindurchgeht, wird sie sich auf der betreffenden Netzhaut als Gerade (beziehungsweise als größter Kreis) abbilden, und nur in dem noch spezielleren Fall, daß die Kurvenebene durch die Kreuzungspunkte beider Augen hindurchgeht, bildet sie sich für beide Augen als Gerade ab. Es ist also sehr unwahrscheinlich, daß eine ebene Kurve als Gerade erscheint, während dagegen eine Gerade im Raume sich immer als Gerade auf beiden Netzhäuten abbildet. Das wahrscheinlichste Objekt also, welches einer perspektivischen Geraden entspricht, ist eine Gerade im Raume.
    Die Gerade hat mannigfaltige geometrische Eigenschaften. Diese geometrischen Eigenschaften, z. B. die bekannte Eigenschaft, die Kürzeste zwischen zwei Punkten darzustellen, sind aber physiologisch nicht von Belang. Wichtiger ist schon, daß in der Medianebene liegende oder zur Medianebene senkrechte Gerade physiologisch zu sich selbst symmetrisch sind. Die in der Medianebene liegende Vertikale zeichnet sich außerdem noch durch die größte Gleichmäßigkeit der Tiefenempfindung und durch ihre Koinzidenz mit der Richtung der Schwere physiologisch aus. Alle vertikalen Geraden können leicht und rasch mit der Medianebene zur Koinzidenz gebracht werden, und nehmen daher an diesem physiologischen Vorzug teil. Allein die Gerade im Raume überhaupt muß sich noch durch etwas anderes physiologisch auszeichnen. Die Gleichheit der Richtung in allen Elementen wurde schon früher hervorgehoben. Jedem Punkt der Geraden im Raume entspricht aber auch das Mittel der Tiefenempfindungen der Nachbarpunkte. Die Gerade im Raume bietet also ein Minimum der Abweichungen vom Mittel der Tiefenempfindungen dar, wie jeder Punkt einer Geraden das Mittel der gleichartigen Raumwerte der Nachbarpunkte darbietet. Es liegt hiernach die Annahme nahe, daß die Gerade mit der geringsten Anstrengung gesehen wird. Der Gesichtssinn geht also nach dem Prinzip der Sparsamkeit vor, wenn er uns mit Vorliebe Gerade vorspiegelt, und zugleich nach dem Prinzip der Wahrscheinlichkeit.
    Noch 1866 schrieb ich in den Sitzungsberichten der Wiener Akademie, Bd. 54: "Da die gerade Linie den zivilisierten Menschen immer und überall umgibt, so kann man wohl annehmen, daß jede auf der Netzhaut mögliche Gerade unzähligemal auf jede mögliche Art als Gerade im Raume gesehen worden sei. Die Geläufigkeit des Auges im Auslegen des Bildes der Geraden darf uns daher nicht befremden". Ich schrieb schon damals diese Stelle (entgegen der darwinistischen Anschauung, die ich in derselben Abhandlung geltend machte) mit halbem Herzen. Heute bin ich mehr als je überzeugt, daß die erwähnte Fähigkeit keine Folge der individuellen Übung, ja nicht einmal der menschlichen Übung ist, sondern daß sie auch den Tieren zukommt und teilweise wenigstens ein Erbstück ist.

10.

Die Abweichung einer Empfindung vom Mittel der Nachbarempfindungen fällt überhaupt immer auf und fordert von dem Sinnesorgan eine besondere Anstrengung. Jede Krümmung einer Kurve, jede Hervorragung oder Vertiefung einer Fläche bedeutet immer die Abweichung einer Raumempfindung von dem Mittel der Umgebung, auf welche die Aufmerksamkeit gerichtet ist. Die Ebene zeichnet sich physiologisch dadurch aus, daß jene Abweichung vom Mittel ein Minimum oder speziell für jeden Punkt = 0 ist. Betrachtet man im Stereoskop irgend eine fleckige Fläche, deren Teilbilder sich noch nicht zu einem binokularen Bilde vereinigt haben, so macht es einen besonders wohltuenden Eindruck, wenn sich dieselbe plötzlich zu einer Ebene ausstreckt. Der ästhetische Eindruck des Kreises und der Kugel scheint wesentlich darauf zu beruhen, daß die bezeichnete Abweichung vom Mittel für alle Punkte gleich ist.

11.

Daß die Abweichung vom Mittel der Umgebung in bezug auf die Lichtempfindung eine Rolle spielt, habe ich in einer älteren Arbeit nachgewiesen10). Malt man eine Reihe von schwarzen und weißen Sektoren, wie dies in Fig. 27 angedeutet ist, auf einen Papierstreifen AA BB und wickelt diesen nachher als Mantel auf einen Zylinder, dessen Achse parallel AB ist, so entsteht durch die rasche Rotation des letzteren ein graues Feld mit von B gegen A zu wachsender Helligkeit, in welchem aber ein hellerer Streifen a a und ein dunklerer b b hervortritt. Die Stellen, welche den Knickungen a entsprechen, sind nicht physikalisch heller als die Umgebung; ihre Lichtintensität übertrifft aber das Intensitäts-Mittel der nächsten Umgebung, während umgekehrt die Intensität bei b unter der mittleren Intensität der Umgebung bleibt11). Diese Abweichung vom Mittel wird also deutlich empfunden und ladet demnach dem Sehorgan eine besondere Arbeit auf. Die kontinuierliche Änderung der Helligkeit wird hingegen kaum bemerkt, solange die Helligkeit eines jeden Punktes dem Mittel der Nachbarn entspricht. Welche teleologische Bedeutung dieser Umstand für das Hervorheben und die Begrenzung der Objekte hat, darauf habe ich vor langer Zeit (a. a. O. Sitzb. der Wien. Akad., 1865, Oktob. u. 1868, Januar) schon hingewiesen. Die Netzhaut verwischt kleine Unterschiede und hebt größere unverhältnismäßig hervor. Sie schematisiert und karikiert. Schon Panum hat seiner Zeit auf die Bedeutung der Konturen für das Sehen aufmerksam gemacht.


Fig. 27
10) Über die Wirkung der räumlichen Verteilung des Lichtreizes auf die Netzhaut. Sitzungsberichte der Wiener Akademie (1865), Bd. 52. Fortsetzungen dieser Untersuchung: Sitzungsberichte (1866), Bd. 54, Sitzungsberichte (1868), Bd. 57. Vierteljahrsschrift für Psychiatrie, Neuwied-Leipzig 1868 (Über die Abhängigkeit der Netzhautstellen von einander).

11) Eine Bemerkung über Analogien zwischen der Lichtempfindung und der Potentialfunktion findet sich in meiner Note ,,Über Herrn Guébhards Darstellung der Äquipotentialkurven". Wiedemanns Annalen (1882), Bd. 17, S. 864 und "Prinzipien der Wärmelehre", 2. Aufl. 1900, S. 118.

    Durch sehr mannigfaltige Versuche, von welchen der in Fig. 27 dargestellte einer der einfachsten ist, habe ich die Ansicht gewonnen, daß die Beleuchtung einer Netzhautstelle nach Maßgabe der Abweichung von dem Mittel der Beleuchtungen der Nachbarstellen empfunden wird. Das Gewicht der Netzhautstellen in jenem Mittel ist hierbei als mit der Entfernung von der betrachteten Stelle rasch abnehmend zu denken, was natürlich nur durch eine organische Wechselwirkung der Netzhautelemente verständlich werden kann. Ist i = f(x, y) die auf ein Koordinatensystem (X Y) bezogene Beleuchtungsintensität der Netzhaut, so ist jener für eine beliebige Stelle maßgebende Mittelwert durch
annähernd (symbolisch) dargestellt, wobei alle Krümmungsradien der Fläche f (x y) als groß angenommen werden gegen die Entfernung, in welcher sich die Netzhautstellen noch merklich beeinflussen; m ist eine Konstante. Je nachdem nun positiv oder negativ ist, empfindet sich die Netzhautstelle dunkler, beziehungsweise heller als bei gleichmäßiger Beleuchtung der Nachbarstellen mit der ihr selbst entsprechenden Intensität. Hat die Fläche f (x, y) Kanten, Knickungen, so wirdunendlich, und die Formel wird unbrauchbar. Der Knickungsstelle entspricht in diesem Falle allerdings eine starke Verdunklung oder Erhellung, aber natürlich keine unendliche. Die Verdunklung oder Erhellung ist auch auf keine scharfe Linie beschränkt, sondern verwaschen, wie es nach Maßgabe der Abweichung vom Mittel erwartet werden muß. Die Netzhaut besteht eben nicht aus empfindenden Punkten, sondern aus einer endlichen Zahl von empfindenden Elementen von endlicher Ausdehnung. Die nähere Kenntnis des Wechselwirkungsgesetzes dieser Elemente, welche zur genaueren Bestimmung der Erscheinung in diesem Spezialfalle nötig wäre, fehlt noch.
    Da man leicht irre geführt werden kann, wenn man nach dem subjektiven Eindruck die objektive Lichtverteilung beurteilt, so ist die Kenntnis des erwähnten Kontrastgesetzes auch für rein physikalische Untersuchungen von Belang. Schon Grimaldi ist durch eine solche Erscheinung getäuscht worden. Dieselbe begegnet uns bei Betrachtung der Schatten, der Absorptionsspektren und in zahllosen anderen Fällen. Durch eigentümliche Umstände fanden meine Mitteilungen wenig Verbreitung, und die betreffenden Tatsachen sind mehr als 30 Jahre später noch zweimal entdeckt worden12). 12) H. Seeliger, Die scheinbare Vergrößerung des Erdschattens bei Mondfinsternissen. Abhandl. d. Münchener Akademie, 1896. H. Haga und C. H. Wind, Beugung der Röntgenstrahlen. Wiedemanns Annalen, Bd. 68, 1899, S. 866. C. H. Wind. Zur Demonstration einer von E. Mach entdeckten optischen Täuschung. Physik. Zeitschr. v. Riecke und Simon I, No. 10. A. v. Obermayer, "Über die Säume um die Bilder dunkler Gegenstände auf hellem Hintergrunde" (Eders Jahrbuch für Photographie, 1900) macht eine Anzahl neuer Tatsachen bekannt, die sich durch das im Text dargelegte Kontrastgesetz erklären lassen. Er kennt jedoch von meinen vier Abhandlungen nur die erste, und teilt daher das Gesetz in der ersten mangelhaften Fassung mit. Es kann auffallen, daß außer i zwar noch die zweiten Differenzialquotienten von i, dagegen nicht die ersten einen Einfluß auf die Empfindung der Helligkeit zu üben scheinen. Das gleichmäßige, kontinuierliche Ansteigen der Beleuchtungsintensität einer Fläche, z. B. nach der x-Richtung, bemerkt man kaum, und es sind besondere Veranstaltungen nötig, um sich von demselben zu überzeugen. Dagegen äußern diese ersten Differentialquoti-enten ihren Einfluß auf die Modellierung, auf die Plastik der gesehenen Fläche. Nennen wir die horizontale Richtung x, die Tiefenentfernung eines Punktes der beleuchteten Fläche t , so geht und parallel. Dieser Ausdruck, welcher natürlich wieder nur symbolisch zu verstehen ist, besagt, daß uns eine Zylinderfläche mit vertikaler Erzeugenden und ebener horizontaler Leitlinie t = F (x), deren zweite Differentialquotienten (Krümmungen) den ersten der Beleuchtungsintensität (Steigungen) parallel gehen, vorgespiegelt wird. Über das Zeichen der Krümmung entscheiden die (s. o.) bezeichneten Nebenumstände.

12.

In bezug auf die durch ein monokulares Bild ausgelösten Tiefenempfindungen sind die folgenden Versuche lehrreich. Die Zeichnung Figur 28 ist ein ebenes Viereck mit den beiden Diagonalen. Betrachten wir sie monokular, so erscheint sie auch, dem Wahrscheinlichkeits- und Sparsamkeitsgesetz entsprechend, am leichtesten eben. Nicht ebene Objekte zwingen in der überwiegenden Mehrzahl der Fälle das Auge zum Tiefensehen. Wo dieser Zwang fehlt, ist das ebene Objekt das wahrscheinlichste und zugleich für das Sehorgan das bequemste.


Fig. 28

    Dieselbe Zeichnung kann monokular noch als ein Tetraeder gesehen werden, dessen Kante bd vor ac liegt, oder als ein Tetraeder, dessen Kante bd hinter ac liegt. Der Einfluß der Vorstellung und des Willens auf den Sehprozeß ist ein höchst beschränkter, er reduziert sich auf die Leitung der Aufmerksamkeit, und auf die Auswahl der Stimmung des Sehorgans für einen von mehreren in seiner Gewohnheit liegenden Fällen, von welchen aber jeder einzelne gewählte sich dann mit maschinenmäßiger Sicherheit und Präzision einstellt. Auf den Punkt e achtend, kann man in der Tat willkürlich zwischen den beiden optisch möglichen Tetraedern wechseln, je nachdem man sich bd näher oder ferner als ac vorstellt. Für diese beiden Fälle ist das Sehorgan eingeübt, weil häufig ein Körper durch den anderen teilweise gedeckt wird.
    Loeb13) findet, daß eine Annäherung der Figur 31 (s. u.) Akkomodation für die Nähe und damit auch Erhabensehen der fixierten Kante be auslöst. Ich habe einen so bestimmten Erfolg nicht erzielen können, und kann auch theoretisch keinen zureichenden Grund für denselben findenl4), obgleich ich gern zugebe, daß Entfernungsänderungen der Figur leicht zum Wechsel der Auffassung führen.

              13) Loeb, Über optische Inversion. Pflügers Archiv, Bd. 40, 1887, S. 247.

14) Hillebrand, ("Verh. v. Akkomod. und Konverg. z. Tiefenlokalisation". Zeitschr. f. Psych. u. Phys. der Sinnesorg, VII, S. 97) hat die geringe Bedeutung der Akkommodation für das Tiefensehen nachgewiesen.     Dieselbe Zeichnung kann endlich als eine vierseitige Pyramide gesehen werden, wenn man sich den ausgezeichneten Durchschnittspunkt e vor oder hinter der Ebene ab cd vorstellt. Dies gelingt schwer, wenn bed und aec zwei vollkommene Gerade sind, weil es der Gewohnheit des Sehorgans widerstreitet, eine Gerade ohne Zwang geknickt zu sehen; es gelingt überhaupt nur, weil der Punkt e eine Sonderstellung hat. Findet sich aber bei e eine kleine Knickung, so hat der Versuch keine Schwierigkeit.

Fig. 29

    Die Wirkung einer linearen perspektivischen Zeichnung auf den der Perspektive Unkundigen, sobald er überhaupt von der Zeichnungsebene abzusehen vermag, was bei monokularer Betrachtung leicht gelingt, tritt ebenso sicher ein, wie bei vollständiger Kenntnis der Perspektivlehre. Die Überlegung und auch die Erinnerung an gesehene Objekte hat nach meiner Überzeugung mit dieser Wirkung wenig oder nichts zu schaffen. Warum die Geraden der Zeichnung als Gerade im Raume gesehen werden, wurde schon erörtert. Wo Gerade in einem Punkt der Zeichnungsebene zu konvergieren scheinen, werden die konvergierenden oder sich annähernden Enden nach dem Wahrscheinlichkeitsprinzip und dem Sparsamkeitsprinzip in gleiche oder nahe gleiche Tiefe verlegt. Hierdurch ist die Wirkung der Fluchtpunkte gegeben. Parallel können solche Linien gesehen werden, die Notwendigkeit eines solchen Eindrucks besteht aber nicht. Halten wir die Zeichnung Fig. 29 in gleicher Höhe mit dem Auge, so kann sie uns den Blick in die Tiefe eines Ganges vorspiegeln. Die Enden ghef werden in gleiche Ferne verlegt. Ist die Entfernung groß, so scheinen hierbei die Linien ae, bf, cg, dh horizontal. Erhebt man die Zeichnung, so heben sich die Enden efgh, und der Boden abef scheint bergan zu steigen. Bei Senkung der Zeichnung tritt die umgekehrte Erscheinung ein. Analoge Veränderungen beobachten wir, wenn wir die Zeichnung rechts oder links zur Seite schieben. Hierbei kommen nun die Elemente der perspektivischen Wirkung zum einfachen und klaren Ausdruck.
    Ebene Zeichnungen, wenn sie durchweg aus geraden Linien bestehen, die sich überall rechtwinklig durchschneiden, erscheinen fast nur eben. Kommen schiefe Durchschnitte und krumme Linien vor, so treten die Linien leicht aus der Ebene heraus, wie z. B. die Figur 30 zeigt, welche man ohne Mühe als ein gekrümmtes Blatt auffaßt. Wenn eine solche Kontur, wie Fig. 30, eine bestimmte Form im Raume angenommen hat, und man sieht dieselbe als Grenze einer Fläche, so erscheint letztere, um es kurz zu sagen, möglichst flach, also wieder mit einem Minimum der Abweichung vom Mittel der Tiefenempfindung15).


Fig. 30
15) Die Tiefenempfindung verhält sich hier wieder ähnlich der Potentialfunktion in einem Raum, an dessen Grenzen sie bestimmt ist. Diese möglichst flache Fläche fällt nicht zusammen mit der Fläche minimae areae, welche man erhalten würde, wenn die gesehene räumliche Kontur, aus Draht dargestellt, und in Seifenlösung getaucht, sich mit einer Plateau schen Flüssigkeitshaut erfüllen würde.
13.

Fig. 31

    Die eigentümliche Wechselwirkung, sich schief in der Zeichnungsebene (beziehungsweise auf der Netzhaut) durchschneidender Linien, vermöge welcher sich dieselben gegenseitig aus der Zeichnungsebene (beziehungsweise aus der zur Visierlinie senkrechten Ebene) heraustreiben, habe ich zuerst bei Gelegenheit des vorher (s. o.) erwähnten Experimentes mit der monokularen Inversion des Kartenblattes beobachtet. Das Blatt Fig. 31, dessen gegen mich konvexe Kante be vertikal steht, legt sich, wenn es mir gelingt, be konkav zu sehen, wie ein aufgeschlagenes Buch auf den Tisch, so daß b ferner erscheint als e. Kennt man die Erscheinung einmal, so gelingt die Inversion fast bei jedem Objekt, und man kann dann immer mit der Formänderung (Umstülpung) zugleich jene merkwürdige Änderung der Orientierung (Stellung) des Objektes beobachten. Besonders überraschend gestaltet sich der Vorgang bei durchsichtigen Objekten. Es sei ab cd der Durchschnitt eines Glaswürfels auf einem Tisch tt, und O das Auge. Bei der monokularen Inversion rückt die Kante a nach a', b aber näher heran nach b', c nach c' und d nach d'. Der Würfel scheint nun auf der Kante c' schief auf dem Tisch t' t' zu stehen. Um die Zeichnung übersichtlicher zu gestalten, wurden die beiden Bilder nicht ineinander, sondern hintereinander dargestellt. Ein teilweise mit gefärbter Flüssigkeit gefülltes Trinkglas, an die Stelle des Würfels gesetzt, stellt sich natürlich samt seiner Flüssigkeitsoberfläche ebenfalls schief.


Fig. 32

    Dieselben Erscheinungen kann man bei genügender Aufmerksamkeit auch an jeder Linearzeichnung beobachten. Wenn man das Blatt mit der Figur 31 vertikal vor sich hinstellt und monokular betrachtet, so sieht man, wenn be konvex ist, b vortreten, wenn b e konkav ist, e vortreten, sich dem Beobachter nähern, und b zurückweichen. Loeb16) bemerkt, daß hierbei die Punkte a, e, in der Zeichnungsebene verbleiben. In der Tat werden hierdurch die Orientierungsänderungen verständlich. Zieht man die punktierten Linien (Fig. 32 a) und denkt sich die Figur, so weit sie außerhalb des punktierten Dreiecks liegt, weggelöscht, so bleibt uns das Bild einer hohlen oder erhabenen dreiseitigen Pyramide, welche mit der Basis in der Zeichnungsebene liegt. Die Inversion hat keine irgendwie rätselhafte Orientierungsänderung mehr zur Folge. Es scheint also, daß jeder monokular gesehene Punkt nach dem Minimum der Abweichungen vom Mittel der Tiefenempfindung, und das ganze gesehene Objekt nach dem Minimum der Entfernung von der Heringschen Kernfläche strebt, welches unter den Versuchsbedingungen erreichbar ist.


Fig. 32a

             16) Loeb, a. a. O.

    Wenn man die Deformationen beachtet, welche eine ebene geradlinige Figur bei monokularer räumlicher Auslegung erfährt, so kann man dieselben qualitativ darauf zurückführen, daß die Schenkel eines spitzen Winkels sich nach entgegengesetzten Seiten, jene eines stumpfen Winkels nach derselben Seite aus der Zeichnungsebene, der zur Visierlinie senkrechten Ebene, heraustreiben. Spitze Winkel vergrößern, stumpfe Winkel verkleinern sich hierbei. Alle Winkel streben dem rechten zu.

14.

Der letztere Satz legt die Beziehung der eben besprochenen Erscheinung zur Zöllnerschen Pseudoskopie und den zahlreichen verwandten Phänomenen nahe. Auch hier kommt alles auf scheinbare Vergrößerung der spitzen und Verkleinerung der stumpfen Winkel hinaus, nur daß die Zeichnungen in der Ebene gesehen werden. Sieht man dieselben aber monokular räumlich, so verschwinden die Pseudoskopien, und es treten dann die zuvor beschriebenen Erscheinungen auf. Obgleich nun diese Pseudoskopien vielfach studiert worden sind, existiert zur Zeit doch keine allseitig befriedigende Erklärung derselben. Mit so leichtfertigen Erklärungen, wie etwa jener, daß wir gewohnt seien, vorzugsweise rechte Winkel zu sehen, darf man natürlich nicht kommen, wenn die ganze Untersuchung nicht verfahren oder vorzeitig abgebrochen werden soll. Wir sehen oft genug schiefwinklige Objekte, dagegen ohne künstliche Veranstaltung niemals, wie in dem obigen Experiment, einen ruhigen schiefen Flüssigkeitsspiegel. Dennoch zieht das Auge, wie es scheint, den schiefen Flüssigkeitsspiegel einem schiefwinkligen Körper vor.
    Die elementare Macht, die sich in diesen Vorgängen ausspricht, hat nach meiner Überzeugung ihre Wurzel in viel einfacheren Gewohnheiten des Sehorgans, welche kaum erst im Kulturleben des Menschen entstanden sind. Ich habe seiner Zeit versucht, die Erscheinungen durch einen dem Farbenkontrast analogen Richtungskontrast zu erklären, ohne zu einem befriedigenden Resultat zu gelangen. Neuere Untersuchungen von Loeb17), Heymans18) u. a., sowie Beobachtungen von Höfler19) über Krümmungskontrast, sprechen nun doch sehr zugunsten einer Kontrasttheorie. Auch hat, in letzter Zeit wenigstens, die Neigung für eine rein physiologische Erklärung entschieden zugenommen20).

              17) Loeb, Pflügers Archiv, 1895, S. 509.
              18) Heymans, Zeitschr. f. Psychol. u. Physiol. d. Sinnesorgane, XIV, 101.
              19) Höfler, Zeitschr. f. Psychol. u. Physiol. d. Sinnesorgane, XII, l.
              20) Witasek, Zeitschr. f. Psychol. u. Physiol. d. Sinnesorgane, XIX, l.

    Auch das Prinzip der Sparsamkeit hat sich mir in bezug auf die Zöllnersche Pseudoskopie als unergiebig erwiesen. Etwas mehr Aussicht auf Erfolg schien das Prinzip der Wahrscheinlichkeit zu bieten. Wir denken uns die Netzhaut als Vollkugel und den Scheitel eines Winkels a im Raume fixiert. Die Ebenen, welche durch den Kreuzungspunkt des Auges und die Winkelschenkel hindurchgehend die letzteren auf die Netzhaut projizieren, schneiden auf dieser ein sphärisches Zweieck mit dem Winkel A aus, welcher den Winkel des monokularen Bildes vorstellt. Demselben beliebigen A können nun unzählige Werte von a zwischen 0° und 180° entsprechen, wie man erkennt, wenn man bedenkt, daß die Schenkel des objektiven Winkels jede beliebige Lage in den erwähnten projizierenden Ebenen annehmen können. Einem gesehenen Winkel A können also alle Werte des objektiven Winkels a entsprechen, welche sich ergeben, wenn man jede der Dreieckseiten b und c zwischen 0° und 180° variieren läßt. Hierbei ergibt sich nun wirklich, wenn man die Rechnung in einer bestimmten Weise anlegt, daß gesehenen spitzen Winkeln als wahrscheinlichstes Objekt ein größerer Winkel, gesehenen stumpfen Winkeln ein kleinerer Winkel entspricht. Ich war jedoch nicht in der Lage zu entscheiden, ob jene Fälle, welche man als geometrisch gleich mögliche anzusehen geneigt ist, auch als physiologisch gleich mögliche betrachtet werden dürfen, was wesentlich und wichtig wäre. Auch ist mir die ganze Betrachtung viel zu künstlich.


Fig. 33

15.

Es kann hier nicht unerwähnt bleiben, daß A. Stöhr versucht hat, von ganz neuen Gesichtspunkten aus über die zuvor besprochenen Erscheinungen Aufklärung zu gewinnen. Den allgemeinen Erwägungen, von welchen sich Stöhr leiten ließ, muß ich volle Sympathie und Zustimmung entgegenbringen. Dagegen habe ich mir bis jetzt kein sicheres Urteil verschaffen können, ob Stöhrs Hypothesen eine tatsächlich nachweisbare Grundlage entspricht. Die vorausgesetzten Verhältnisse sind auch so kompliziert, daß es nicht leicht ist, darüber zu entscheiden, ohne das Gebiet selbst von neuem durchzuexperimentieren. Ich weiß also nicht, ob Stöhrs Ansichten überall zur Erklärung ausreichen werden. In einer älteren Arbeit21) wird angenommen, daß dem dioptrischen Bilde des Auges vor der Netzhaut ein katoptrisches Bild in der Netzhaut entspricht, welches nach deren Tiefe Relief hat. Die Tiefe in der Netzhaut wäre zugleich das Bestimmende für die empfundene Tiefe im Sehraum und das Regulierende der Akkommodation. In der Tat habe ich mich immer gefragt, wodurch denn der Sinn der Akkommodationsänderung bestimmt sei, da dieselbe durch die bloße Größe des Zerstreuungskreises nicht bestimmt sein kann, da ferner der Zusammenhang zwischen Konvergenz und Akkommodation nur ein loser ist, und da auch ein Auge allein sich akkommodiert. Anderseits stehen dieser Ansicht die zahlreichen Beobachtungen über die Wertlosigkeit der Akkommodation für die Tiefenempfindung entgegen. Die große Dicke der Netzhaut der Insektenaugen22) legt es wieder nahe, an eine Funktion derselben bei der Reliefwahrnehmung zu denken.

              2l) Zur nativistischen Behandlung des Tiefensehens. Wien 1892.
              22) Exner, Die Physiologie der facettierten Augen. Wien 1891, S. 188.

    In zwei folgenden Arbeiten23) wird auf diese Ansicht weiter gebaut. Die zweite derselben bringt eine Schefflersche Ansicht in eine mehr physiologische Form. Die herrschende Ansicht, nach welcher die Bilder von Stellen, welche mehr oder weniger von korrespondierenden abweichen, zu einem einheitlichen Eindruck verschmelzen, findet Stöhr unbehaglich. "Wo ist der Weichenwächter, der den Wechsel nicht nur in außergewöhnlicher, sondern auch in zweckmäßiger Weise so stellt, daß jetzt ein ungewöhnliches Paar von Leitungsbahnen zwei Reize zur Vereinigung im Zentralorgan bringen kann?" Es wird angenommen, daß die Netzhäute beider Augen, von einem Streben nach Minimalisation des Lichtreizes beherrscht, nach Äqualisation ungleicher Bilder trachten. Die nervösen Elemente erregen den Ziliarmuskel und zwar nicht nur in ganz gleichmäßiger regelmäßiger Weise, sondern nach Bedürfnis auch sehr ungleichmäßig. Regelmäßige Kontraktion des Ziliarmuskels bringt eine größere Linsenwölbung und eine geringe Kontraktion der Netzhaut hervor. Nehmen hierbei die Netzhautelemente ihre Ortswerte mit, so erscheint dasselbe Netzhautbild vergrößert. So soll es nach Stöhr verständlich werden, daß die Panumschen proportionalen Kreissysteme (bis zum Radienverhältnis 4 : 5) durch Anpassung der beiden Augen aneinander mit identischen Netzhautstellen einfach und in mittlerer Größe gesehen werden. Daß die Verschmelzung der Kreissysteme nicht durch Unterdrückung des einen Bildes geschieht, weist Stöhr nach, indem er das eine Kreissystem aus roten, das andere aus alternierenden grünen Punkten darstellt, so daß in dem binokularen Sammelbild die roten zwischen den grünen Punkten erscheinen. Unregelmäßige Kontraktion des Ziliarmuskels soll nun eine mehrfache Wirkung hervorbringen: Einmal eine unregelmäßige Deformation der Linse mit mannigfaltiger Verschiebung der Spitzen der Diakaustik verschiedener Strahlenbündel, hierdurch Änderung des Reliefs des dioptrischen und katoptrischen Bildes und ferner eine mannigfaltige minimale Deformation der Netzhaut. Stöhr glaubt durch detaillierte Rechnungen die Möglichkeit seiner Auffassung darzutun und durch Untersuchung von Beobachtern mit aphakischen Augen die Tatsächlichkeit seiner Voraussetzungen nachzuweisen. Zu überraschenden Versuchen, z. B. stereoskopischer Knickung von Geraden hat ihn seine Theorie jedenfalls geführt, und sie verdient also schon deshalb Beachtung. So sehr mir aber seine Auffassung des Auges und seiner Teile als lebender Organismen sympathisch ist, habe ich mich doch noch nicht überzeugen können, daß seine Annahmen zur Erklärung komplizierterer Fälle des Raumsehens überall ausreichen24).

23) Zur Erklärung der Zöllnerschen Pseudoskopie. Wien 1898. Binoculare Figurmischung und Pseudoskopie. Wien 1900.

24) Seither ist noch erschienen: A. Stöhr, Grundfragen der psycho-physiologischen Optik, Leipzig u. Wien, 1904. Die bezeichneten Fragen werden daselbst weiter diskutiert.

    Stöhr entfernt sich recht weit von den Traditionen der physiologischen Optik. An sich kann das kein Grund sein, auf die genaue Prüfung seiner Theorie nicht einzugehen, seit die an schönen und merkwürdigen Ergebnissen reichen vergleichend physiologischen Untersuchungen von S. Exner und Th. Beer25) uns Augen von so mannigfaltigen organischen Einrichtungen kennen gelehrt haben, wie sie ein Physiker a priori kaum vermuten würde. Vielleicht finden Stöhrs Gedanken keine Anwendung auf das menschliche Auge, dafür aber auf andere Sehorgane. 25) Th. Beer, Die Akkommodation des Fischauges. (Pflügers Archiv, Bd. 58, S. 523.) Akkommodation des Auges in der Tierreihe. (Wiener klinische Wochenschrift, 1898, No. 42.) Über primitive Sehorgane. (Ebendas., 1901, No. 11, 12, 13.)     Daß während des Sehens noch zu erforschende Veränderungen im Auge vorgehen, wird durch manche Erscheinungen wahrscheinlich. Stereoskopbilder mit starken stereoskopischen Differenzen zeigen bei längerem Hinsehen noch ein sukzessiv enorm wachsendes Relief, wenn auch die Verschmelzung scheinbar längst vollendet ist. An feinen glatten parallelen Liniensystemen hat man wellige Krümmungen und Anschwellungen beobachtet, und hat dieselben in etwas eigentümlicher Weise auf die zur Darstellung von so feinen Geraden unzureichende Netzhautmosaik zurückgeführt. Ich habe aber diese Erscheinung an sehr deutlich sichtbaren, keineswegs mikrometrischen, Geradensystemen bei andauerndem Hinsehen stets wahrgenommen. Mit der Netzhautmosaik hat also die Sache gewiß nichts zu tun. Eher könnte ich glauben, daß durch die Anstrengung, etwa durch kleine Verschiebungen im Sinne Stöhrs, die Raumwerte etwas in Unordnung geraten seien 26). 26) Über die physiologische Wirkung räumlich verteilter Lichtreize. (Wiener Sitzungsber. 2. Abt., Oktober 1866, S. 7, 10 des Separatabzuges.)
16.

Der leichte Übergang vom pseudoskopischen Sehen ebener Figuren zum monokularen räumlichen Sehen derselben wird wohl über ersteres noch weitere Aufklärung verschaffen. Folgende Tatsachen bestärken diese Vermutung. Eine ebene Linearzeichnung, monokular betrachtet, erscheint gewöhnlich eben. Macht man aber die Winkel veränderlich und leitet die Bewegung ein, so streckt sich jede derartige Zeichnung sofort in die Tiefe. Man sieht dann gewöhnlich einen starren Körper in einer Drehung begriffen, wie ich dies bei einer früheren Gelegenheit27) beschrieben habe. Die bekannten Lissajousschen Schwingungsfiguren, welche bei Wechsel des Phasenunterschiedes auf einem gedrehten Zylinder zu liegen scheinen, bieten ein schönes Beispiel des betreffenden Vorganges.

27) Beobachtungen über monokulare Stereoskopie. Sitzungsberichte der Wiener Akademie (1868), Bd. 58.     Man könnte nun hier wieder auf die Gewohnheit hinweisen, mit starren Körpern umzugehen. Starre Körper, in Drehungen und Wendungen begriffen, umgeben uns in der Tat fortwährend. Ja die ganze materielle Welt, in welcher wir uns bewegen, ist gewissermaßen ein starrer Körper, und ohne die Hilfe starrer Körper gelangen wir überhaupt nicht zur Vorstellung des geometrischen Raumes. Wir achten auch gewöhnlich nicht auf die Lage der einzelnen Punkte eines Körpers im Raum, sondern fassen ohne weiteres dessen Dimensionen auf. Darin liegt hauptsächlich für den Ungeübten die Schwierigkeit, ein perspektivisches Bild zu entwerfen. Kinder, welche gewohnt sind, die Körper in ihren wahren Dimensionen zu sehen, können sich mit perspektivischen Verkürzungen nicht abfinden, und sind von einem einfachen Aufriß, von einer Profilzeichnung weit mehr befriedigt. Ich weiß mich dieses Umstandes sehr wohl zu erinnern, und begreife durch diese Erinnerung die Zeichnungen der alten Ägypter, welche alle Körperteile der Figuren soweit als möglich in ihren wahren Dimensionen darstellen, und dieselben deshalb in die Zeichnungsebene gleichsam hineinpressen, wie die Pflanzen in ein Herbar. Auch in den Pompejanischen Wandgemälden begegnen wir, obgleich hier der Sinn für Perspektive schon deutlich ist, noch einer merklichen Scheu vor Verkürzungen. Die alten Italiener hingegen, im Gefühle ihrer Sachkenntnis, gefallen sich oft in übermäßigen, zuweilen sogar unschönen Verkürzungen, welche dem Auge mitunter eine bedeutende Anstrengung zumuten.

17.

Es ist also keine Frage, daß uns das Sehen starrer Körper mit den festen Abständen ihrer ausgezeichneten Punkte viel geläufiger ist als das Aussondern der Tiefe, welches sich immer erst durch eine absichtliche Analyse ergibt. Demnach können wir erwarten, daß überall, wo eine zusammenhängende Masse von Empfindungen, die vermöge der kontinuierlichen Übergänge und des gemeinsamen Farben Charakters zur Einheit verschmilzt, eine räumliche Veränderung zeigt, diese mit Vorliebe als Bewegung eines starren Körpers gesehen wird. Ich muß aber gestehen, daß mich diese Auffassung wenig befriedigt. Vielmehr glaube ich, daß auch hier eine elementare Gewohnheit des Sehorgans zugrunde liegt, welche nicht erst durch die bewußte individuelle Erfahrung entstanden ist, sondern welche im Gegenteil schon das Auffassen der Bewegungen starrer Körper erleichtert hat. Würden wir z. B. annehmen, daß jede Verkleinerung der Querdimension einer optischen Empfindungsmasse, welcher die Aufmerksamkeit zugewendet wird, eine entsprechende Vergrößerung der Tiefendimensionen herbeizuführen strebt, und umgekehrt, so wäre dieser Prozeß ganz analog demjenigen, dessen schon oben gedacht (s. o.) und der mit der Erhaltung der Energie verglichen wurde. Die berührte Ansicht ist entschieden viel einfacher und zur Erklärung ebenfalls ausreichend. Man kann sich auch leichter vorstellen, wie eine so elementare Gewohnheit erworben, wie sie in der Organisation ihren Ausdruck finden, und wie die Stimmung für dieselbe vererbt werden kann.
    Als Gegenstück zu der Drehung starrer Körper, welche uns das Sehorgan vorspiegelt, will ich hier noch eine andere Beobachtung anführen. Wenn man ein Ei oder ein Ellipsoid mit matter gleichmäßiger Oberfläche über den Tisch rollt, jedoch so, daß es sich nicht um die Achse des Rotationskörpers dreht, sondern hüpfende Bewegungen ausführt, so glaubt man bei binokularer Betrachtung einen flüssigen Körper, einen großen schwingenden Tropfen, vor sich zu haben. Noch auffallender ist die Erscheinung, wenn ein Ei, dessen Längsachse horizontal liegt, um eine vertikale Achse in mäßig rasche Rotation versetzt wird. Dieser Eindruck verschwindet sofort, wenn auf der Oberfläche des Eies Flecken angebracht werden, deren Bewegung man verfolgen kann. Man sieht dann den gedrehten starren Körper.
    Die in diesem Kapitel gegebenen Erklärungen sind von Vollständigkeit gewiß noch weit entfernt, doch glaube ich, daß meine Ausführungen ein exakteres und eingehenderes Studium der besprochenen Erscheinungen anregen und anbahnen können.